einträge zum stichwort ‘westfälische idiome’


westfälische idiome (xv): superlativklassifizierung durch “mit” 

winechess

Es ist im Westfälischen durchaus üblich, Superlative zu klassifizieren. Dies geschieht durch die einfache Vornennung des Wortes “mit” beim betreffenden Superlativ. X ist beispielsweise ein Ort, zu dem man mit am weitesten hin gereist ist. X ist ein Bier, das noch mit am besten schmeckt. X ist ein Umstand, der mit am schlimmsten ist. Oder x ist ein Umstand, der noch mit am ehesten zutrifft.

Es soll hierbei nicht beansprucht werden, die Vollständigkeit einer bestimmten Klasse zu behaupten. Es kann auch sein, dass diese in Rede stehende Klasse aus lediglich einem oder gar keinem Element besteht: Jemand, der eigentlich keinen Wein mag, kann sagen, dass der Wein X noch am besten oder noch am ehesten schmeckt, ohne zu sagen, dass der Wein X gut schmeckt. Aber unter Weinen, die für ihn sowieso nicht schmecken, gehört Wein X zu den nicht ganz schlecht schmeckenden.

Durch die Weglassung des “mit” würde in dieser Sprachverwendung gesagt, dass die in Rede stehende Klasse aus lediglich einem Element besteht. Durch die Superlativklassifizierung durch “mit” wird daher ausgesagt, dass die Klasse offen für weitere Elemente ist, dass das in Rede stehende X zur in Rede stehenden Klasse allerdings dazu zählt.

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westfälische idiome (xiii): einen fön kriegen 

In Bezug auf gedankliche Planungen oder Erklärungen ist es im Westfälischen gebräuchlich, davon zu sprechen, dass man glaube, man bekäme einen Fön. Etwa in der Form:

Ich glaub’, ich krieg’ ‘n Fön.

Natürlich ist es nicht der Fall, dass man tatsächlich einen solchen bekommt. Es ist lediglich ein Ausspruch, der eine innerliche Entrüstung über eine vorgelegte, zu glaubende Erklärung oder eine sich dem Aussprechenden widerstrebende Planung darlegen soll. Man kann sich das aber sinnbildlich vorstellen als Entrüstung eines Beschenkten über einen Fön als Geschenk.

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Reihe: Westfälische Idiome
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westfälische idiome (xii): bollerig 

Jeans kaufen ist oftmals keine einfache Geschichte. Manche stehen einem, andere nicht. Jeans fallen unterschiedlich aus, da muss man diverse Praxistests überstehen. Eine neuere Mode ist ja das lässige, nahezu knietiefe Tragen von Jeans. Das wurde zuvor nicht als modisch angesehen. Und im Westfälischen wurde für eine derart, d.h. eine schlecht sitzende Jeans das Wort bollerig verwendet. Bollerig waren Jeans dann, wenn sie altersbedingt geweitet waren, daher nicht mehr gut saßen und somit nicht chic waren. Neumodisch tiefergetragenen Jeans kommt daher nur dann nicht die Bezeichnung bollerig zu, wenn sie erkennbar nicht aus Altergründen nicht gut sitzen.

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Reihe: Westfälische Idiome
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westfälische idiome (xi): los/lose sein / etwas los machen 

Im Westfälischen können Schubladen, Fenster oder Schnürsenkel los sein. Umgangssprachlich kann man auch davon sprechen, etwas sei lose. Oftmals wenden Nichtwestfalen hierbei ein, dies sei eine grammatisch falsche Verwendung der Redeweise, etwas sei offen. Das ist aber falsch, da die Verwendung von los der jeweiligen Situation inhaltlich mehr abgewinnt.

Zum einen gibt es die westfälische Aufforderung Mach’ mal dat Fenster los! Auf die reine Handlung ist gemeint, dass das Fenster geöffnet werden soll. Allerdings ist es im Westfälischen so, dass das Fensteröffnen in der Verwendung mit losmachen eine andere ist als in der Verwendung mit öffnen. Ein Fenster kann sich alleine öffnen, es kann sich aber nicht alleine losmachen. Das Losmachen ist eine zweckverfolgende Tätigkeit. Wenn in einem Raum schlechte Luft herrscht oder die Technik eines Fensters untersucht werden soll, so kann man sagen Mach’ mal dat Fenster los! Es ist allerdings nicht gebräuchlich zu sagen, dass Fenster habe sich selbst los gemacht. Hier sagt man Das Fenster hat sich von alleine geöffnet.

Noch etwas anderes ist die Verwendung des Los-Seins. Schnürsenkel können los sein oder lose sein. Hierbei wird ebenso oft eingewendet, es handle sich um eine grammatisch falsche Verwendung der Redeweise von offenen Schnürsenkeln. Aber auch dieser Einwand ist falsch.  Der inbegriffene Gedanke bei einer Feststellung wie Deine Schnürsenkel sind lose ist, dass Schnürsenkel von getragenen Schuhen aus Sicherheitsgründen zu sein sollen. Schnürsenkel von gerade nichtgetragenen Schuhen sind offen, aber nicht lose, denn es ist egal, ob diese in dieser Situation offen sind oder gebunden.

In metaphorischer Hinsicht kann losmachen auch Gegenständen zugesprochen werden. So kann man sagen Das Boot hat sich alleine losgemacht. Damit unterstellt man dem Gegenstand ein gewisses Eigenleben und entzieht sich selbst etwas der Verantwortung, gerade wenn man selbst das Boot am Steg festgemacht hat, so dass es eigentlich nicht wegschwimmen hätte können.

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westfälische idiome (v): das darf doch nicht warstein 

Das Idiom Das darf doch nicht Warstein bezieht sich in abgewandelter Weise auf die Redensart Das darf doch nicht wahr sein. Genauso verhält es sich mit Das kann ja nicht Warstein und Das kann ja nicht wahr sein.

Mit der idiomatischen Abwandlung von wahr sein zu Warstein wird eine inhaltliche Verbindung zu Wahrstein, resp. des Bieres, wodurch Wahrstein den meisten Menschen ein Begriff ist, erzeugt.

Dieser gewitzte Bezug zum Alkohol bereichert den Ausspruch um die inhaltliche Note, dass man die nervige Verzweiflung, die sich angesichts eines Zustandes in der Welt einstellt, nicht allzu schwer nehmen soll.

Der Ausspruch wird in der Form Das kann ja nicht Warstein auch verwendet, um beim Biertrinken irritiert darauf hin zu weisen, dass es sich beim angetrunkenen Bier wohl nicht um ein Qualitätsbier handelt.

[ Verwandtes Idiom: Du kriegst die Tür nicht zu. ]

westfälische idiome (iii): mit jemandem kramen können 

Heute geht es um das Idiom mit jemandem kramen können. Etwas bekannter ist hier z.B. in einer Schublade kramen oder im Hobbykeller kramen oder etwas aus seiner Hosentasche kramen.

Diese Verwendungen haben nur insofern etwas gemeinsam, als dass diese Verbkonstruktion vornehmlich von Männern verwendet wird. Es wurde und wird u.a. stark im Bergbau verwendet und übertrug sich von dort aus etwas allgemeiner verwendet in die arbeitsunabhängige Alltagssprache.

Im Gegensatz zu “etwas aus der Hosentasche kramen” ist aber “mit jemandem kramen können” ein Werturteil. Es verhält sich mit diesem Idiom etwa so:

1. “Der Marc, mit dem kannste kramen.”
Betonung auf ‘dem’.
Marc ist eine Person, mit der man vertrauensvoll arbeiten kann. Marc fühlt sich nicht zu schade für gewisse Aufgaben und kann auch mit anpacken, wenn es drauf ankommt. Er verzettelt sich nicht in überflüssige Diskussionen und arbeitet zur Not auch eigenständig und verantwortungsvoll. Mit Marc fühlt sich der Sprechende auf einer Wellenlänge. In der Rede mit anderen empfiehlt der Sprecher Marcs für gut empfundenen Charakter.

2. “Marc – da kannste wohl kramen mit.”
Betonung, wenn, dann auf ‘kannste’.
Der Sprecher weiss, dass der Angesprochene in bezug auf Marc skeptisch ist, ob dieser verlässlich mit anpacken kann. Durch das Wörtchen “wohl” impliziert der Sprecher, dass davon aber ausgegangen werden kann, wenn auch der Sprecher nicht meint, mit Marc hundertprozentig auf einer Wellenlänge zu sein.

3. “Marc, da kannste nicht mit kramen”
Betonung entweder auf ‘kannste’ oder auf ‘nicht’ oder beides.

Es wurde versucht mit Marc zusammen zu arbeiten, aber Marc war beim gemeinsamen arbeiten keine unterstützende Hilfe. Der Sprecher sieht starke Unterschiede, was die Wellenlinie von sich und Marc angeht.

4. “Marc, da kannste einfach nicht mit kramen”
Betonung auf ‘einfach’ oder auf ‘einfach’ und ‘nicht’.
Es wurde mehrfacht, wahrscheinlich beruflich bedingt, versucht, Marc in ein gemeinsames Arbeiten mit einzubinden und es ist immer daneben gegangen. Der Sprecher ist nicht gut zu sprechen auf Marc und kommt auch rein charakterlich nicht mit ihm klar.

So gesehen mag die vornehmliche Verwendung von mit jemandem kramen können daher rühren, dass Frauen beim Mit-anpacken gedanklich in Westfalen eher außen vor sind.

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